Anticholinerge Last: Wie Sie schädliche Nebenwirkungen von Anticholinergika erkennen

Anticholinergika erweitern die Bronchien und hemmen die Sekretbildung von Drüsen in den Schleimhäuten der Atemwege. Nebenwirkungen dieser Medikamente werden insbesondere bei älteren Patienten häufig nicht als solche erkannt, da die Symptome als altersbedingt wahrgenommen werden.

Was ist eine anticholinerge Wirkung?

Mediziner fassen unter dem Begriff Anticholinergika all jene Stoffe zusammen, die im menschlichen Nervensystem die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin blockieren. Dieser Neurotransmitter ist für viele körperliche Prozesse, u.a. im Gehirn, Magen-Darm-Trakt, in den Atemwegen, Harnwegen und Augen bedeutsam. Diese komplexen Systeme können von vielen Arzneistoffen beeinflusst werden, wobei die anticholinerge Wirkung entweder therapeutisch erwünscht ist (Parkinson- oder Asthmamedikamente) oder eine unerwünschte Nebenwirkung (Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Schmerzmittel) darstellt.

Was ist eine anticholinerge Last?

Die Wirkungen aller anticholinergen Medikamente, die ein Patient einnimmt, summieren sich zu einer anticholinergen Last mit kurz- oder langfristigen Folgen. Gerade ältere Patienten und deren Angehörige beobachten häufig, dass sich der Allgemeinzustand verschlechtert, sich bestehende Beschwerden verstärken oder neue hinzukommen. Deshalb bewerten Wissenschaftler anticholinerge Effekte, wie Sehstörungen, Verwirrtheit, Verdauungs- und Harnlassbeschwerden, unabhängig davon, ob sie erwünscht sind oder nicht, grundsätzlich als schädlich. Zudem stehen nach neuesten Erkenntnissen die Einnahme anticholinerger Medikamente und das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, in engem Zusammenhang.

Typische anticholinerge Effekte im Überblick

Gehirn/ Nervensystem

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Schwäche, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schwere Effekte: Schwere Unruhe, Desorientiertheit, Delirium

Mund

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Mundtrockenheit
  • Schwere Effekte: Probleme beim Sprechen, verminderter Appetit

Auge

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Trockene Augen, Pupillenerweiterung, Lichtempfindlichkeit
  • Schwere Effekte: Sehverschlechterung, Induktion eines Glaukomanfalls

Herz

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Erhöhte Herzfrequenz
  • Schwere Effekte: Herzrhythmusstörungen

Magen-Darm-Trakt

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Verstopfung, herabgesetzte Darmaktivität
  • Schwere Effekte: Veränderte Aufnahme anderer Medikamente

Blase

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Harnblasenbeschwerden
  • Schwere Effekte: Harnverhalt, Harnwegsinfekte

Haut

  • Leichte bis mittelschwere Effekte: Vermindertes Schwitzen
  • Schwere Effekte: Gestörte Wärmeregulation

Bei welchen Medikamenten ist die Gefahr der anticholinergen Last besonders hoch?

Die anticholinerge Wirkung steckt in zahlreichen Arzneistoffen. In einer Reihe von Medikamenten ist sie sogar die erwünschte Hauptwirkung. Typische Beispiele hierfür sind Asthmamedikamente, wie Tiotropium und Ipratropium, Medikamente zur Behandlung von Beschwerden beim Wasserlassen, wie Tolterodin und Oxybutynin oder Parkinsonmedikamente, wie Biperiden und Benzatropin. Typische Vertreter von Medikamenten, die unerwünschte anticholinerge Wirkungen (sogenannte Nebenwirkungen), hervorrufen sind Psychopharmaka, wie Olanzapin, Clozapin und Amitriptylin, Schlaf- und Beruhigungsmittel, wie Diazepam sowie Temazepam, Schmerzmittel, wie Tramadol und Pethidin. Auch rezeptfreie Medikamente, wie Antihistaminika oder Mittel gegen „Reiseübelkeit“ können eine anticholinerge Last provozieren.

Mediziner schlagen zunehmend Alarm

Aufgrund der demografischen Entwicklung, die mit einer erhöhten Lebenserwartung und der Medikation von Altersbeschwerden einhergeht, gewinnt das Thema „Anticholinerge Last“ zunehmend an Bedeutung. Hinzu kommt, dass die Wissenschaftler ein immer besseres Verständnis für die durch Anticholingergika verursachten kurz- und langfristigen Schäden entwickeln. So gilt beispielsweise die Vermutung, dass die Einnahme von Anticholinergika ein wichtiger Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit ist, mittlerweile als bewiesen. Immer mehr Ärzte und Apotheker erkennen in teils typischen, teils unspezifischen Symptomen, wie Verschlechterung der Sehschärfe, Schluckbeschwerden oder chronische Verstopfung, die Nebenwirkungen anticholinerger Medikamente. Sie versuchen, Alternativen zu finden und warnen vor unkontrollierter Selbstmedikation.

Was kann ich tun, um meine anticholinerge Last zu senken?

Bei Patienten mit psychiatrischen Medikamente die auf das zentrale Nervensystem wirken, Menschen mit Multimedikation sowie alten Personen, ist es wichtig, sich bewusst mit der anticholinergen Last auseinanderzusetzen. Dies betrifft vor allem ärztlich verordnete Schmerzmittel, Psychopharmaka und Antihistaminika. Falls Sie bei sich selbst oder bei einem Angehörigen eine der genannten Nebenwirkungen wahrnehmen, sollten Sie umgehend mit dem behandelnden Arzt sprechen. Häufig gibt es wirksame Alternativen. Zudem ist es sinnvoll, sich vordem Kauf rezeptfreier Arzneimittel, wie beispielsweise Vomex, vom Arzt oder Apotheker beraten zu lassen sowie die eigenmächtige Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu vermeiden.

Sie vermuten anticholinerge Nebenwirkungen eines Medikaments? Bitte melden Sie diese!

Manche Anticholinergika verursachen unmittelbar nach der Einnahme Nebenwirkungen, bei anderen kann es dauern, ehe es zu Symptomen kommt. Bei entsprechenden Beschwerden und Veränderungen informieren Sie bitte umgehend den behandelnden Arzt. Um ihre Erfahrungen anderen Patienten zugänglich zu machen und die Öffentlichkeit zu informieren, schildern Sie die Symptome bitte auch auf unserem unabhängigen Patientenportal www.nebenwirkungen.de. Ihre Meldung erfolgt pseudonym und wird garantiert vertraulich behandelt. Mit ihrer Schilderung leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Information bezüglich zukünftiger Verordnungen und zum verantwortungsbewussten Einsatz von Arzneimitteln.

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