FRID – Wenn Medikamente Stürze verursachen

In jede Notaufnahme kommen sie mehrfach täglich: Senioren, die zuhause gestürzt sind. Oft ist nicht nur "das Alter" schuld. Eine große Gruppe von Medikamenten, die "fall risk increasing drugs" (FRID), kann das Sturzrisiko deutlich erhöhen.

Welche Relevanz haben FRIDs?

FRIDs oder „fall risk increasing drugs“ sind Medikamente, die durch verschiedene Mechanismen das Sturzrisiko von Patienten erhöhen. In den letzten Jahren erfährt dieses Thema zunehmende Aufmerksamkeit, weil immer mehr Patienten chronische Erkrankungen haben, die mit einer Vielzahl an Medikamenten, oft aus der Gruppe der FRID, behandelt werden. Ihre Neben- und Wechselwirkungen, unpassende Dosierungen und falsche Anwendung verschärfen das ohnehin erhöhte Sturzrisiko der Senioren. Aus der Gruppe der über 65-jährigen Menschen stürzt jeder Dritte mindestens einmal pro Jahr. Bei den über 90-Jährigen ist es mehr als jeder Zweite. In Pflegeheimen ist die Sturzquote am höchsten. Bis zu 20 Prozent der gestürzten Patienten müssen anschließend medizinisch versorgt werden. FRIDs tragen einen wesentlichen Teil dazu bei.
Viele Patienten nehmen neben den vom Arzt verschriebenen Tabletten frei verkäufliche Medikamente ein. Auch hier gibt es immer mehr Mittel, die im Verdacht stehen, das Sturzrisiko zu steigern. Dazu gehören zum Beispiel häufig verwendete Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR wie Ibuprofen oder Diclofenac.

Welche Medikamente erhöhen das Sturzrisiko?

Ein erhöhtes Sturzrisiko durch Medikamente wird durch verschiedene Mechanismen verursacht. Blutdrucksenker zum Beispiel können gerade in der Anfangsphase oder nach einer Dosissteigerung dazu führen, dass es zu einem starken Blutdruckabfall und einem damit einhergehenden Schwindelgefühl kommt. Manche Mittel gegen Diabetes können eine Unterzuckerung und damit ein körperliches Schwächegefühl verursachen. Viele Schlafmittel sorgen für Benommenheit oder Desorientiertheit.
Selbst eigentlich erwünschte Wirkungen wie ein vermehrter Harndrang nach Einnahme von Diuretika können Stürze verursachen, wenn die Patienten trotz eingeschränkter Mobilität versuchen, zügig
eine Toilette zu erreichen.
Im weiteren Sinne werden auch Medikamente zu den FRIDs gezählt, die das Sturzrisiko nicht direkt erhöhen, aber die Folgen aufgetretener Stürze verschlimmern können. Dazu gehören zum Beispiel Medikamente zur Blutverdünnung.
Eine Übersicht typischer und häufig verordneter Medikamente, die das Sturzrisiko erhöhen, zeigt die folgende Liste:
Wirkstoffe und Wirkstoffklassen

  • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Doxepin, Imipramin und andere), SSRI (Citalopram), MAO-Hemmer (Rasagilin)
  • Neuroleptika: Haloperidol, Olanzapin, Clozapin
  • Sedativa/ Schlafmittel: Benzodiazepine (Diazepam, Tetrazepam, Nitrazepam und andere), „Z-Drugs“ (Zopiclon, Zolpidem)
  • Blutdrucksenker: ACE-Hemmer (Ramipril und andere), Calciumantagonisten (Nifedipin), AT1-Rezeptorantagonisten („Sartane“)
  • Entwässerungsmittel: (Diuretika): Schleifendiuretika (Furosemid, Torasemid)
  • Prostata Medikamente: Alfuzosin, Doxazosin
  • Sonstige: Nicht-steroidale Antirheumatika, Antiemetika (Diphenhydramine, Dimenhydrinat)

Welche Patienten sind besonders gefährdet?

Ein besonders hohes Sturzrisiko haben Patienten, die über 65 Jahre alt sind und mindestens fünf rezeptpflichtige Medikamente einnehmen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich mindestens ein Mittel aus der Gruppe der FRID darunter befindet. Zusätzlich steigen mit zunehmender Anzahl an Präparaten auch die möglichen Neben- Wechselwirkungen.
Ältere Patienten bringen eine Reihe von physiologischen Besonderheiten mit, die sie für Nebenwirkungen von Medikamenten anfälliger machen. Leber und Niere funktionieren schlechter als bei jungen Menschen, sodass Wirkstoffe langsamer abgebaut werden. Durch den höheren Fettgehalt im Körper können lipophile Medikamente, zum Beispiel Benzodiazepine, sich anreichern und so einen viel höheren Wirkspiegel erreichen. Zusätzlich führen Einschränkungen der Sehfähigkeit oder des Gedächtnisses dazu, dass Medikamente verwechselt oder falsch eingenommen werden.
Grunderkrankungen wie Osteoporose, Diabetes mellitus oder Parkinson können die Sturzfolgen noch verheerender werden lassen: Knochenbrüche treten häufiger auf, es kommt zu Wundheilungsstörungen, der Patient kann nicht mehr aufstehen und liegt vielleicht mehrere Stunden in seiner Wohnung.

Ist Ihnen das Risiko zu hoch?

In obiger Tabelle finden sich viele bekannte und häufig verordnete Medikamente wieder. Für die Behandlung vieler Krankheiten sind sie jedoch essenziell und werden aus gutem Grund verschrieben. Keinesfalls sollten Medikamente selbstständig ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden.
Wenn Sie jedoch das Gefühl haben, dass ein neues Medikament Ihnen nicht bekommt, weil es Sie benommen macht oder zu Schwindel führt, sollte Ihr Arzt das wissen. Es sind auch jederzeit Nachfragen möglich, falls Ihnen der Grund für eine Medikamentenverschreibung nicht klar ist oder Sie unsicher sind, ob Sie ein Mittel überhaupt noch weiter einnehmen müssen. Zusätzlich können Sie mit Ihrem Arzt besprechen, ob die genannten Medikamente auf weniger riskante Alternativen umgestellt werden können.

Melden Sie Ihre Nebenwirkungen!

Ihre Mitarbeit ist wichtig! Haben Sie bei sich selbst oder im Bekanntenkreis ähnliche Erfahrungen mit Arzneimitteln gemacht, die zu vermehrten Stürzen geführt haben? Wann immer Sie den Verdacht haben, an Nebenwirkungen unter der Einnahme Arzneimitteln zu leiden, sollten Sie diese umgehend melden. Oftmals reichen wenige Meldungen aus, um die Öffentlichkeit über schwere Vorkommnisse zu informieren und Beipackzettel zukünftig zu aktualisieren, wie etwa die Rote-Hand-Briefe wirkungsvoll zeigen.

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