Johanniskraut – pflanzliches Antidepressivum?

Johanniskraut wird eine stimmungsaufhellende Wirkung nachgesagt. Im Gegensatz zu chemischen Präparaten sollen sie sogar nebenwirkungsfrei sein. Ganz so einfach ist es aber nicht.

Ein pflanzliches Wundermittel?

Die Heilpflanze Johanniskraut (Hypericum perforatum) mit den darin enthaltenen Wirkstoffen Hypericin und Hyperforin besitzt eine medizinisch anerkannte Wirkung, bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden dienlich zu sein. Es kann helfen, die Stimmung aufzuhellen, Ängste zu lösen und Unruhe zu lindern. Bis die volle Wirkung einsetzt, können aber einige Tage (bis zu 2 Wochen) vergehen.

Johanniskraut-Präparate werden aus getrockneten blühenden Zeigen hergestellt. Es gibt sie als Tee-Zubereitungen, Kapseln mit Trockenextrakt, Pillen und Tabletten, Dragees und Tropfen, aber auch als gepressten Saft und als Öl.

Verschiedene Mittel sind sogar im Supermarkt oder in der Drogerie erhältlich. Es wird aber empfohlen, auf Präparate aus der Apotheke zurückzugreifen, da diese Pflanzenextrakte enthalten, die eigens in klinischen Studien untersucht wurden(z. B. Jarsin 300, Kira, Laif 612 oder 900, Balance und Neuroplant). Wichtig ist auch die jeweilige Dosierung: Als wirksam werden Tageseinheiten zwischen 500 und 1000 Milligramm empfohlen. Hochdosierte Produkte dieser Art kann man nur in der Apotheke käuflich erwerben. Die zur Behandlung mittelschwerer Depressionen zugelassenen Präparate sind sogar verschreibungspflichtig. Bei Produkten aus der Drogerie sind die Wirkstoffgehalte oft zu niedrig, sodass sie die gewünschte Wirkung verfehlen.

Mögliche Nebenwirkungen

Johanniskraut wirkt nachweislich gut gegen leichte und mittelschwere Depressionen. Für schwere oder auch chronische Depressionen sind keine positiven Effekte belegt. Eine alleinige Behandlung mit Johannsikraut in dieser Indikation gilt aufgrund der damit verbundenen möglichen Selbstmordgefahr als gefährlich.

Besonders vorteilhaft für Patienten: anders als bei chemisch hergestellten Antidepressiva treten unter Johanniskraut nur selten Nebenwirkungen auf.
Die Liste ist daher recht kurz:

  • Allergische Hautreaktionen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Müdigkeit
  • Unruhe
  • erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut, insbesondere bei hellhäutigen Personen

Achtung: Wechselwirkungen!

Aber Achtung ist geboten, denn Johanniskraut kann die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen. Deshalb sollten Patienten die geplante Einnahme johanniskraut-haltiger Präparate zuvor mit einem Arzt oder Apotheker besprechen, der Kenntnis über die ggf. übrigen eingenommenen Medikamente hat, um sie auf Wechselwirkungen hinzuweisen oder gegebenenfalls ein anderes Antidepressivum zu verschreiben.

Johanniskraut wird wie die meisten Medikamente in der Leber abgebaut. Es verstärkt die Wirkung eines Enzyms, sodass die Wirkstoffe von einer Reihe von Medikamenten schneller als normal abgebaut werden. Patienten haben dann eine geringere Wirkstoffkonzentration im Blut, als bei ihrer eingenommenen Dosierung zu erwarten wäre. Dadurch kann sich die Wirkung dieser Arzneimittel verringern.
Das ist bei folgenden Medikamenten der Fall:

  • Antibaby-Pille und andere hormonelle Verhütungsmittel mit der Gefahr von Zwischenblutungen und dem Verlust der empfängnisverhütenden Wirkung
  • Blutverdünner (Cumarintyp, z.B. Phenprocoumon/ Marcumar, Warfarin) mit erhöhter Thrombose- und Emboliegefahr
  • Mittel gegen Allergien (Antihistaminika, z.B. Fexofenadin)
  • Mittel gegen Asthma (z.B. Theophyllin)
  • Mittel gegen erhöhte Blutfettwerte (Lipidsenker, z.B. Simvastatin)
  • Mittel gegen Herzinsuffizienz (Digitalispräparate)
  • Mittel zur Beruhigung (Benzodiazepine, z.B. Midazolam)
  • Mittel zur Behandlung von Depressionen (Trizyklische Antidepressiva, z.B. Amitriptylin)

Wenn sie folgende Medikamente einnehmen, darf Johanniskraut gar nicht angewendet werden:

  • Immunsuppressiva (z. B. Cilosporin, Tacrolimus, Sirolimus)
  • Krebsmedikamente (Zytostatika, z. B. Irinotecan, Imatinib)
  • bestimmte HIV-/AIDS-Medikamente (Proteaseinhibitoren z.B. Indinavir)

Johanniskraut kann aber auch den Abbau bestimmter Medikamente verzögern, was zu erhöhten Blutspiegeln und verstärkter Wirkung führen kann. Besondere Vorsicht ist daher bei der gleichzeitigen Einnahme von Antidepressiva vom SSRI-Typ wie Paroxetin, Sertralin, Buspiron geboten. Hier kann sich ein sogar lebensgefährliches Serotonin-Syndrom entwickeln. Anzeichen sind Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Angst, Unruhe, Verwirrtheit.

Bei Arzneimitteln, die eine sogenannte Photosensibilisierung der Haut bewirken (Sonnenbrand bei geringfügigster Sonnenbestrahlung), kann dieser Effekt durch Johanniskraut, das selbst zu erhöhter Lichtempfindlichkeit der Haut führen kann, bis hin zu Phototoxizität erheblich verstärkt werden.
Arzneimittel mit photosensibilisierender Wirkung sind beispielsweise:

  • Antimykotika (gegen Pilzbefall innerer Organe) wie z.B. Voriconazol oder Antibiotika (z.B. Tetrazykline, Fluorchinolone, Makrolide),
  • Entwässerungsmittel (z.B. Hydrochlorothiazid HCTZ),
  • Herzmedikamente (z.B. Amiodaron, ACE-Hemmer wie Enalapril, Captopril),
  • Schmerzmittel (z.B. Diclofenac, Naproxen), Antiepileptika (z.B. Carbamazepin).

Schwangere, Stillende und Kinder bis 12 Jahre dürfen Johanniskraut aus Sicherheitsgründen nicht anwenden. Die Studienlage ist hier sehr dünn. Bei Jugendlichen ab 13 Jahren sollte die Anwendung nur nach ärztlicher Verordnung erfolgen.

Melden Sie Ihre Nebenwirkungen!

Ihre Mitarbeit ist wichtig! Wann immer Sie den Verdacht haben, an Nebenwirkungen unter der Einnahme von Johanniskraut, anderen pflanzlichen oder auch chemischen Arzneimitteln zu leiden, sollten Sie diese umgehend melden. Oftmals reichen wenige Meldungen aus, um die Öffentlichkeit über schwere Vorkommnisse zu informieren und Beipackzettel zukünftig zu aktualisieren, wie etwa die Rote-Hand-Briefe wirkungsvoll zeigen.

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