Nahrungsergänzungsmittel haben keine riskanten Nebenwirkungen, oder doch?

Auch Nahrungsergänzungsmittel können Neben- oder Wechselwirkungen auslösen. Eine Studie aus den USA zeigt auf, dass sie teilweise sogar nicht zugelassene Arzneimittelwirkstoffe enthalten.

Nahrungsergänzungsmittel gelten als harmlos

Mehr als 50% der Erwachsenen konsumieren in den USA Nahrungsergänzungsmittel. Auch in Deutschland werden die als gesundheitsförderlich angepriesenen Mittel immer beliebter. Nahrungsergänzungsmittel umfassen dabei Vitamine, Mineralien, Aminosäuren und Enzyme sowie Pflanzenextrakte. Diese sind nicht zur Behandlung oder Vorbeugung von Krankheiten bestimmt, sondern gelten rechtlich als Lebensmittel. Damit unterliegen sie keinen Sicherheits- und Wirksamkeitstests, wie diese beim Inverkehrbringen für Arzneimittel notwendig wären. Auch Verbraucher halten die Nahrungsergänzungsmittel meist für harmlos und gehen davon aus, dass eine Wechselwirkung oder Nebenwirkung wie bei einem Medikament nicht zu erwarten sei. Eine neue Studie belegt allerdings das Gegenteil.

Studie zeigt: manches Supplement wirkt wie ein Medikament

Die Forscher des California Department of Public Health nahmen den zunehmenden Konsum der Nahrungsergänzungsmittel als Anlass, genauer zu untersuchen, was in den Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist. Sie nutzen eine Datenbank, in der die zwischen 2007 und 2016 registrierten Nahrungsergänzungsmittel gelistet waren. Zu finden waren hier auch Dokumente der US-Arzneimittelbehörde FDA, die Warnhinweise zu einzelnen Wirkstoffen zusammenfassten. Öffentliche Benachrichtigungen, Pressemitteilungen, Verbraucher-Updates oder Warnschreiben an die Hersteller wurden als Informationen ebenso herangezogen.

Nahrungsergänzungsmittel mit Risiken und gefährlichen Nebenwirkungen

Insgesamt fanden die Forscher 776 verfälschte Nahrungsergänzungsmittel, die von der FDA gemeldet wurden. Die meisten der gepanschten Produkte sollen dazu dienen, die Potenz zu verbessern, das Gewicht zu reduzieren, Muskeln aufzubauen oder Gelenk- und Muskelschmerzen zu regulieren. Sie alle enthielten nicht zugelassene Arzneimittel, die meist auch nicht auf dem Etikett des Produkts angegeben waren. Enthalten war etwa Sildenafil – ein gefäßerweiterndes Medikament, das auch in Viagra zu finden ist und für Patienten mit Herzproblemen gefährlich werden könnte. Ein ähnliches Medikament – Tadalafil – konnte ebenso gefunden werden, wie auch Vardenafil. Sildenafil, Tadalafil und Vardenafil sind alle Phosphodiesterase-5 (PDE5)-Hemmer und beeinflussen Erektionsstörungen auf die gleiche Weise. Sie werden darüber hinaus etwa bei pulmonal-arterieller Hypertonie verwendet. In anderen Nahrungsergänzungsmitteln fanden sich Dapoxetin, ein von der FDA nicht zugelassenes Antidepressivum, oder Fluoxetin, ein verschreibungspflichtiges Mittel gegen Depressionen.

Einige Präparate, die eine Diät unterstützen sollten, waren mit dem Medikament Sibutramin angereichert. Die Substanz wirkt appetitzügelnd, ist in Deutschland aber seit 2010 aufgrund von kardiovaskulären Risiken verboten und wurde auch vom US-Markt genommen. Nicht nur Appetitzügler wurden in die Tabletten und Kapseln hineingemischt, auch ein Abführmittel war enthalten: Phenolphthalein. Es steht im Verdacht, karzinogen (d.h. krebserzeugend) zu wirken. Ephedrin, ein Stimulans, das den Blutdruck erhöht und von der FDA für die Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln verboten wurde, sollte die Diät-Erfolge bei den Schlankheitsmitteln offenbar auch erhöhen.

Wer seinen Muskelaufbau mit Supplementen unterstützen wollte, konnte genauso an nicht zugelassene Wirkstoffe geraten, etwa nicht deklarierte anabole Steroide oder steroidähnliche Substanzen sowie Aromatasehemmer. Sie werden eigentlich dazu eingesetzt, um Östrogenrezeptoren zur Behandlung von Brustkrebs bei postmenopausalen Frauen zu blockieren. In den Mitteln gegen Schmerzen fanden sich hingegen Diclofenac, ein verschreibungspflichtiges, nichtsteroidales entzündungshemmendes Medikament, oder Dexamethason, ein Kortikosteroid das üblicherweise zur Behandlung von Entzündungen verwendet wird.

Hinweise auf enthaltene Wirkstoffe fehlten

Die pharmazeutischen Wirkstoffe waren nicht auf den Etiketten vermerkt und von den Produkten wurden einige mehrfach an die FDA gemeldet. Das deutet darauf hin, dass die Hersteller die Zusammensetzung nach Rückrufaktionen geringfügig änderten, aber erneut nicht erlaubte Substanzen hineinmischten. Die Produkte werden offenbar weiter verkauft. Auch das ergibt die Analyse der Forscher: Nur 360 von 776 verfälschten Nahrungsergänzungsmittel wurden zurückgerufen, die Mehrheit ist weiter im Handel erhältlich und das auch außerhalb der USA. Dies ist alarmierend, zumal die FDA nur einen Teil der auf dem Markt erhältlichen Produkte testen kann. Die Wissenschaftler fordern, dass alle Nahrungsergänzungsmittel entsprechend kontrolliert werden müssen und betroffene Präparate effektiv sowie schnell vom Markt genommen werden. Für Nutzer von Nahrungsergänzungsmitteln bedeutet dies aber auch, dass selbst angeblich rein pflanzliche Mittel gefährliche Wirkstoffe enthalten können, die eigentlich nur in einem speziell zugelassenen Medikament erlaubt wären oder inzwischen sogar vom Markt verschwunden sein sollten. Diese können zu manch ungeahnter Nebenwirkung oder Wechselwirkung führen.

Sollten auch Sie nach der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln Nebenwirkungen bei sich beobachten, dann teilen Sie uns dies unbedingt hier mit.

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