Retinoide: Aktualisierte Informationen zu Fehlbildungen während der Schwangerschaft und neuropsychiatrischen Erkrankungen

Retinoide: Aktualisierte Informationen zu Fehlbildungen während der Schwangerschaft und neuropsychiatrischen Erkrankungen

Rote-Hand-Briefe – was ist das eigentlich?

Mit den sogenannten ”Rote-Hand-Briefen” informieren die Pharmahersteller medizinische Fachkreise, d.h. Ärzte und Apotheker, über neu entdeckte Arzneimittelrisiken, wie etwa über Erkenntnisse zu neuen Neben- und Wechselwirkungen sowie fehlerhaften Produkten, die die Sicherheit eines Arzneimittels betreffen. In unserer neuen Rubrik fassen wir für Sie die primär an Fachkreise gerichteten Rote-Hand-Briefe einfach und kompakt zusammen.

So sind Sie als Patient immer bestens über neue sicherheitsrelevante Ereignisse informiert, die die Einnahme von Medikamenten betreffen.

Liebe Patientin, lieber Patient,

lesen Sie hier unsere “patientenfreundliche” Fassung des Rote-Hand-Briefs vom 03. September 2019 zur Arzneimittelgruppe der Retinoide (Acitretin, Adapalen, Alitretinoin, Bexaroten, Isotretinoin, Tazaroten und Tretinoin) hinsichtlich des Risikos von Fehlbildungen des Kindes bei Einnahme durch die Mutter während der Schwangerschaft (Teratogenität) sowie neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Angststörungen, Stimmungsschwankungen und Depressionen.

Worum geht es?

Die Hersteller der oben genannten Arzneimittel informieren in Abstimmung mit der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über die vorgenommene Aktualisierung ihrer Produktinformationen zu Fehlbildungen während der Schwangerschaft und neuropsychiatrischen Erkrankungen unter der Einnahme von Retinoiden.

Retinoide-haltige Arzneimittel haben ein breites Einsatzspektrum. Sie werden in Form von Creme oder Gel zur direkten (topischen) Anwendung auf der Haut angeboten, aber auch als Kapseln oder Tabletten zur Einnahme durch den Mund (oral), wodurch das Medikament dann systemisch im ganzen Körper wirkt.

Sie werden häufig zur Behandlung schwerer Verlaufsformen der Akne eingesetzt, vor allem im Jugendalter. Auch chronische Handekzeme, die auf Kortison nicht ansprechen, sowie schwere Formen der Schuppenflechte (Psoriasis) und Verhornungsstörungen werden damit behandelt. Tretinoin kann außerdem bei einer spezifischen Form der Leukämie angewendet werden, Bexaroten auch für die Behandlung des Hautbefalls bei fortgeschrittenem T-Zell-Lymphom (einer bösartigen lymphatischen Erkrankung). Alitretinoin wird auch zur Behandlung von Hautläsionen bei Patienten mit AIDS-bedingtem Kaposi-Sarkom eingesetzt.

Retinoide sind natürliche Abkömmlinge des Vitamin A, das auch als Retinolsäure bekannt ist. Retinoide kommen überall im Körper vor und sorgen in den Zellen für ein beschleunigtes Wachstum. Bei schweren Formen der Akne beispielsweise verstopfen die Poren durch eine gesteigerte Aktivität der Talgdrüsen. Diese können sich dann entzünden, was zu den typischen eitrigen Pickeln und Pusteln bei Akne-Patienten führt.
Wird dem Körper eine zusätzliche Menge an Retinoiden zugeführt, kommt es zu einem vermehrten Zellwachstum in den oberen Hautschichten (Epidermis). Die Hornschicht der Haut lockert sich auf, und ein „Abschälen“ der Epidermis wird erleichtert. Außerdem wird die Funktion der Talgdrüsen beeinträchtigt, wodurch die Poren weniger verstopfen. Dadurch wird die Haut von innen heraus gereinigt, das Hautbild verfeinert sich, und es treten weniger Unreinheiten auf.

Eine kürzlich durchgeführte ausführliche Überprüfung aller medizinisch maßgeblichen Daten führte zur Aktualisierung und Harmonisierung der Fach- und Gebrauchsinformationen dieser Arzneimittel im Hinblick auf zwei Schwerpunkte:
1. Risiko für Fehl- und Missbildungen bei Föten (Teratogenität)
Oral (durch den Mund und durch Herunterschlucken) eingenommene Retinoide sind sehr stark teratogen. Substanzen, die so klassifiziert sind, dürfen während einer Schwangerschaft keinesfalls eingenommen werden, da sie Fehl- und Missbildungen bei Föten auslösen: im Falle der Retinoide mit einem Risiko von 20 %. Aus diesem Grund dürfen die oralen Retinoide (Acitretin, Alitretinoin und Isotretinoin) bei Frauen im gebärfähigen Alter nur dann verschrieben werden, wenn betroffene Frauen mindestens einen Monat vor Beginn, während und auch einen Monat nach Beendigung der Behandlung (bei Acitretin bis 3 Jahre nach Behandlungsende) ununterbrochen ein sicheres Verhütungsmittel nutzen.

Vor dem Beginn der Einnahme muss zwingend ein negativer Schwangerschaftstest vorliegen. Regelmäßige Kontrollen und monatliche Schwangerschaftstests während der Behandlungsphase und einen Monat nach Ende der Behandlung (bei Acitretin über 3 Jahre in 1- bis 3-monatigen Abständen) sind verpflichtend.
Für Patientinnen im gebärfähigen Alter darf die Höchstmenge je Verschreibung den Therapiebedarf von 30 Tagen nicht übersteigen und Verschreibungen sind nur bis zu 6 Tage nach dem Tag ihrer Ausstellung gültig. Eine Patientin muss Acitretin, Alitretinoin oder Isotretinoin sofort absetzen und umgehend einen Arzt aufsuchen, wenn sie schwanger wird oder annimmt, schwanger zu sein.
Da der Mensch im Vergleich zu anderen Säugetieren die höchste Empfindlichkeit gegenüber dem teratogenen Schädigungspotential der Retinoide aufweist, darf im Sinne einer erhöhten Vorsichtsmaßnahme auch eine örtliche (topische) Anwendung von Retinoid-haltigen Arzneimitteln bei schwangeren Frauen oder solchen, die eine Schwangerschaft planen, nicht erfolgen.

Im Rahmen der Behandlung von Leukämie hingegen darf bei klinischer Dringlichkeit orales Tretinoin auch bei Schwangeren angewendet werden.

2. Neuropsychiatrische Erkrankungen
Im Zusammenhang mit oral eingenommenen Retinoiden wurde von Depressionen, durch Depressionen verstärkte Angststörungen und von Stimmungsschwankungen berichtet. Die Erkenntnisse anhand der gemeldeten Verdachtsfälle und der Veröffentlichungen in der Fachliteratur sind allerdings widersprüchlich. Ein eindeutiger Anstieg des Risikos für psychiatrische Erkrankungen bei Patienten, die mit oralen Retinoiden behandelt werden, im Vergleich zu solchen, die diese nicht einnehmen, ließ sich nicht eindeutig nachweisen, zumal auch bekannt ist, dass Patienten mit schweren Hauterkrankungen an sich ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen haben.
Den behandelnden Ärzten wird aus Sicherheitsgründen aber empfohlen, Patienten, die orale Retinoide einnehmen, auf das mögliche Auftreten einer veränderten Stimmungslage oder von Verhaltensänderungen hinzuweisen und ihnen zu raten, einen Arzt aufzusuchen, falls sie derartige veränderte Reaktionen an sich bemerken.

Die Überprüfung der Datenlage für örtliche (topisch) angewendete Retinoiden ergab, dass ein daraus resultierendes Risiko psychiatrischer Erkrankungen unwahrscheinlich ist.

Was ist zu tun?

Wenn Sie als Frau im gebärfähigen Alter mit einem retinoid-haltigen Arzneimittel in Kapsel- oder Tablettenform (oral) behandelt werden, müssen Sie sich strikt an das Schwangerschaftsverhütungsprogramm halten, das Ihnen Ihr behandelnder Arzt anhand des nun optimierten und für alle oralen Retinoide harmonisierten Schulungsmaterials erläutern wird.
Das Schulungsmaterial für Patienten (eine sogenannte Patientenkarte) liegt künftig jeder Arzneimittelpackung bei. Bei Packungen, die sich schon im Regal des Apothekers befinden und diese Patientenkarte daher noch nicht enthalten, wird Ihnen Ihr Apotheker diese Karte zusätzlich aushändigen. Es ist Ihr gutes Recht, sich gezielt nach dieser Patientenkarte beim Kauf einer neuen Arzneimittelpackung in den kommenden Wochen zu erkundigen.

Für den Fall, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen eine Schwangerschaft eintritt oder Sie begründeten Anlass zur Vermutung haben, schwanger zu sein, müssen Sie Ihr Medikament sofort absetzen und Ihren Arzt aufsuchen.

Wenn Sie als Patient unter der oralen Anwendung von Retinoiden bei sich eine veränderte Stimmungslage oder eine Verhaltensänderung feststellen, sollten Sie sich zeitnah an einen Arzt wenden. Jeder Patient mit Anzeichen einer Depression muss entsprechend behandelt werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie in der Vergangenheit bereits einmal an einer Depression gelitten hatten.

Außerdem: Melden Sie Ihre Nebenwirkung!

Beobachten Sie Nebenwirkungen unter der Behandlung mit Retinoiden (Acitretin, Adapalen, Alitretinoin, Bexaroten, Isotretinoin, Tazaroten und Tretinoin) oder auch mit anderen Medikamenten, sollten Sie diese umgehend melden. Oftmals reichen wenige Meldungen aus, um die Öffentlichkeit über schwere Vorkommnisse zu informieren und Beipackzettel zu aktualisieren, wie die Rote-Hand-Briefe wirkungsvoll zeigen.

Der Meldeservice von Nebenwirkungen.de bietet Ihnen hierfür die einfache und schnelle Möglichkeit, Nebenwirkungen zu melden, ohne dabei Ihre Identität preiszugeben. Zudem können Sie Ihren Arzt oder Apotheker in die Meldung einbinden. Mit jeder Meldung tragen Sie aktiv zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit bei, indem eine bessere Informationsbasis für die zukünftige Verordnung von Arzneimitteln geschaffen wird.

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