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Lemtrada (Alemtuzumab): Tödliche Nebenwirkungen möglich

Lemtrada (Alemtuzumab): Tödliche Nebenwirkungen möglich

Rote-Hand-Briefe – was ist das eigentlich?

Mit den sogenannten ”Rote-Hand-Briefen” informieren die Pharmahersteller medizinische Fachkreise, d.h. Ärzte und Apotheker, über neu entdeckte Arzneimittelrisiken, wie etwa über Erkenntnisse zu neuen Neben- und Wechselwirkungen sowie fehlerhaften Produkten, die die Sicherheit eines Arzneimittels betreffen. In unserer neuen Rubrik fassen wir für Sie die primär an Fachkreise gerichteten Rote-Hand-Briefe einfach und kompakt zusammen.

So sind Sie als Patient immer bestens über neue sicherheitsrelevante Ereignisse informiert, die die Einnahme von Medikamenten betreffen.

Liebe Patientin, lieber Patient, 

hier können Sie unsere “patientenfreundliche” Fassung des Rote-Hand-Briefs vom 24. Januar zu Lemtrada (Alemtuzumab) lesen. Der Hersteller Sanofi informiert hiermit in Abstimmung mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) über das Risiko schwerer, und in Einzelfällen sogar tödlicher Nebenwirkungen unter der Behandlung mit Lemtrada (Alemtuzumab).

Lemtrada (Alemtuzumab) – Worum geht es?

Lemtrada ist ein neuartiges Medikament, das einer besonderen Überwachung unterliegt. Aufgrund von Berichten über schwerwiegende Nebenwirkungen mit in Einzelfällen tödlichem Ausgang seit Markteinführung hat die Europäische Arzneimittelüberwachungsbehörde EMA (European Medical Agency) das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Lemtrada überprüft und neu bewertet. Dabei wurden die schon bestehenden Maßnahmen zur Risikominderung als nicht ausreichend erachtet. 

Schwerwiegende, lebensbedrohliche Ereignisse wie Verminderung der Durchblutung des Herzmuskels (Myokardischämie), Herzinfarkt, Hirnblutung, Risse oder Einblutungen in der Wand der inneren Halsschlagader (Arteria Carotis interna) oder der Wirbelarterie (Arteria Vertebralis) sowie kleinerer Arterien im Gehirn, Lungenblutungen und Verminderung der Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) können im engen zeitlichen Zusammenhang mit der Infusion von Lemtrada auftreten. 

Des Weiteren steht Lemtrada, das zur Behandlung schwerer Verläufe der Multiplen Sklerose, einer Autoimmunerkrankung des Nervensystems, eingesetzt wird, unter dem Verdacht, selbst den Ausbruch weiterer Autoimmunerkrankungen auszulösen. Darunter fallen autoimmune Leberentzündung (Hepatitis), schwere Blutgerinnungsstörung (Hämophilie A) und hämophagozytische Lymphohistiozytose (HLH), auch als Makrophagenaktivierungssyndrom bezeichnet . Bei HLH handelt es sich um eine überschießende lebensbedrohliche Immunreaktion, bei der es zu anhaltendem Fieber (über 38,5°C), Vergrößerung von Milz und Leber, Verminderung der Anzahl der Blutzellen, unter Umständen auch begleitet von Hautausschlägen und Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum (Aszites). HLH ist mit einer hohen Sterblichkeit (30 – 50 %) verbunden,  wenn es nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird.

Autoimmunerkrankungen dieser Art können innerhalb von Monaten bis Jahren nach Beginn der Behandlung mit Lemtrada auftreten und sich auch noch später als 48 Monate nach der letzten Infusion von Lemtrada entwickeln. 

Auch eine Reaktivierung des Eppstein-Barr-Virus (EBV, Auslöser von z. B. Pfeiffer’schem Drüsenfieber) ist möglich, wodurch schwere Virus-bedingte Leberentzündungen auftreten können .

Auf Basis dieser neuen Erkenntnisse wurden nun weitere Einschränkungen der Anwendung von Lemtrada vorgenommen.

 Lemtrada darf als “krankheitsmodifizierende Monotherapie” (d.h. als alleiniges Medikament zur günstigen Beeinflussung des schubartigen Krankheitsverlaufs) nur zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit Multipler Sklerose eingesetzt werden, wenn

  • deren Erkrankung trotz vollständiger und angemessener Behandlung mit mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie weiterhin hochaktiv verläuft oder
  • deren Erkrankung rasch fortschreitet mit schweren Krankheitsschüben, die wie folgt beschrieben werden:
    Zwei oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression (d.h. einem messbar verstärkten Grad der körperlichen Einschränkung) innerhalb eines Jahres sowie mindestens einem durch Magnetresonanztomographie (MRT) nachweisbaren, Kontrastmittel-anreichernden  Krankheitsherd im Gehirn oder einer deutlichen Zunahme von frischen Krankheitsherden im Gehirn im Vergleich zu einer kürzlich ohne Kontrastmittelgabe durchgeführten MRT.  

Lemtrada darf – zusätzlich zu den bereits bestehenden Kontraindikationen – nicht an Patienten verabreicht  werden, wenn

  • diese an einer schweren aktiven Infektion leiden (bis zu deren vollständigem Abklingen) ,
  • ein unkontrollierter Bluthochdruck vorliegt,
  • sie in ihrer medizinischen Vorgeschichte bereits einen Riss oder eine Einblutung in der Wand der inneren Halsschlagader, der Wirbelarterie oder kleinerer Arterien innerhalb des Gehirns erlitten hatten  (Dissektionen zerviko-zephaler Arterien)
  • Brustenge (Angina pectoris), ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt in der medizinischen Vorgeschichte bekannt sind
  • eine Blutgerinnungsstörung vorliegt, die mit Thrombozytenaggregationshemmern oder Blutgerinnungshemmern (Antikoagulanzien) behandelt wird,
  • eine weitere Autoimmunerkrankung (neben Multipler Sklerose) bekannt ist.

Wie wirkt Lemtrada (Alemtuzumab)?

Lemtrada (Alemtuzumab) ist ein Medikament zur Behandlung von Multipler Sklerose (MS). Multiple Sklerose zählt zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen und befällt das zentrale Nervensystem. Dabei greift das eigene Immunsystem die Schutzschicht rund um die Nervenstränge (das Myelin) an, was zu Entzündungen führt. MS verläuft in Schüben, gefolgt von symptomfreien Phasen. Die Schäden nehmen mit der Zeit zu.

Lemtrada kann die Krankheit zwar nicht heilen, aber die Anzahl der Schübe reduzieren.

Was ist zu tun?

Sollten Sie mit Lemtrada behandelt werden, ist eine regelmäßige Überwachung Ihres Gesundheitszustands wichtig. Die Behandlung mit Lemtrada sollte ausschließlich von einem in der Behandlung von MS erfahrenen Neurologen in einem Krankenhaus mit intensivmedizinischer Einrichtung erfolgen.  Nur dort ist im Falle schwerer Nebenwirkungen deren angemessene Behandlung sofort möglich. 

Vor jeder Infusion von Lemtrada ist ein EKG (Elektrokardiogramm) durchzuführen, die Anzahl der Atemzüge (Atemfrequenz) und der Pulsschläge (Herzfrequenz) pro Minute sowie der Blutdruck zu bestimmen; außerdem sind umfangreiche Laboruntersuchungen (großes Blutbild mit Differenzialblutbild, Leberwerte, Nierenfunktionswerte, Schilddrüsenfunktionswerte und eine Analyse des Urins) vorzunehmen. 

Während der Infusion sind Herzfrequenz und Blutdruck sowie das Allgemeinbefinden kontinuierlich (mindestens einmal pro Stunde) zu überwachen. Die Infusion muss abgebrochen werden bei Anzeichen, die auf die Entwicklung einer schwerwiegenden Nebenwirkung wie Minderdurchblutung des Herzmuskels oder Schlaganfall durch Hirnblutung oder einen Arterienriss oder eine Lungenblutung  hindeuten könnten.

Nach der Infusion soll eine Überwachung des Allgemeinbefinden für mindestens 2 Stunden erfolgen; bei Anzeichen schwerwiegender Symptome muss der Patient bis zu deren vollständigem Abklingen in stationärer Kontrolle verbleiben. Patienten sind darauf hinzuweisen, dass auch nach Ablauf dieser Überwachungszeit möglicherweise verzögert Infusionsreaktionen eintreten können, die dann eine umgehende Konsultation eines Arztes erfordern.

Die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) sollte unmittelbar im Anschluss an die Infusion sowie an Tag 3 und Tag 5 nach der ersten Behandlung erfolgen, bei allen weiteren Behandlungen mit Lemtrada unmittelbar im Anschluss an die Infusion sowie an Tag 3. Eine erhebliche Verminderung der Blutplättchen muss kontrolliert und bis zur Normalisierung der Werte überwacht werden. Gegebenenfalls ist auch eine Überweisung an einen darauf spezialisierten Facharzt (Hämatologe) in Betracht zu ziehen. 

Die EMA empfiehlt, dass Patienten mindestens 48 Monate nach der letzten Infusion auf das mögliche Auftreten von Autoimmunerkrankungen überwacht werden. Patienten sind darüber aufzuklären, dassauch nach Ablauf dieser Zeitspanne  Autoimmunerkrankungen auftreten können.

Diese Ergänzungen werden in die Produktinformation von Lemtrada aufgenommen, der Leitfaden für Ärzte und für Patienten wird entsprechend aktualisiert. 

Ihre Mitarbeit ist wichtig!

Mit der Bereitstellung der Roten-Hand-Briefe in einer patienten-freundlicheren Sprache wollen wir Ihre Wahrnehmungsfähigkeit von Nebenwirkungen entwickeln und stärken! Rote-Hand-Briefe zeigen wirkungsvoll, wie wichtig die kontinuierliche Überwachung der Medikamente und die Anpassung der Produktinformationen an neue Erkenntnisse aus Studien sowie Nebenwirkungsmeldungen ist. Die Aktualisierung der Packungsbeilagen trägt dazu bei, dass jedem Patienten die bestmögliche Behandlung sowohl im Hinblick auf deren Wirksamkeit als auch Verträglichkeit angeboten werden kann. Je mehr Informationen auch Sie über Ihre Erfahrungen mit den von Ihnen eingenommenen Medikamenten zur Verfügung stellen, desto besser kann das Risiko eingegrenzt und vorgebeugt werden, dass andere Patienten diese Nebenwirkungen ebenfalls erleiden müssen. Achten Sie deshalb auf körperliche oder psychische Veränderungen während der Medikamenteneinnahme und auch nach deren Ende. Niemand kann das besser beurteilen als Sie selbst, denn Ihren Körper kennen Sie am besten. Ihre Gesundheit und die Gesellschaft werden es Ihnen danken!

Deshalb: Melden Sie Ihre Nebenwirkung!

Beobachten Sie Nebenwirkungen – egal welcher Art – unter der Behandlung mit Lemtrada (Ingenolmebutat) oder auch mit anderen Medikamenten, sollten Sie diese umgehend melden. Oftmals reichen wenige Meldungen aus, um die Öffentlichkeit über schwere Vorkommnisse zu informieren und Beipackzettel zu aktualisieren. Unser Meldeservice bietet Ihnen hierfür die einfache und schnelle Möglichkeit, Nebenwirkungen zu melden, ohne dabei Ihre Identität preiszugeben. Zudem können Sie Ihren Arzt oder Apotheker in die Meldung einbinden. Mit jeder Meldung tragen Sie aktiv zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit bei, indem eine bessere Informationsbasis für die zukünftige Verordnung von Arzneimitteln geschaffen wird.

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