Verstärkte Nebenwirkungen von Medikamenten bei Hitze

Wenn es draußen heiß ist, hat nicht nur der Kreislauf von chronisch Kranken oder älteren Menschen damit zu kämpfen. Hitzebedingte Beschwerden betreffen auch gesunde Personen. Auch bei der Einnahme von Medikamenten können durch hohe Temperaturen verstärkt Nebenwirkungen auftreten.

Warum ist die Hitze ein Problem?

Meteorologen erwarten auch im August Temperaturen, die die Durchschnittswerte früherer Jahre deutlich übertreffen. Doch nicht nur für das Weltklima sind vielfältige Folgen zu erwarten: So erhöht sich die Sterblichkeitsrate während den hohen Temperaturphasen laut dem Robert-Koch-Institut deutlich. Allein im Jahr 2018 verstarben zwischen 8 und 12 % mehr Menschen aus höheren Altersgruppen und Kranke als während normalen Temperaturphasen.

Selbst der gesunde Körper reagiert auf die hohen Temperaturen, aber auch auf die häufigen Temperaturschwankungen bisweilen mit Beschwerden. Entsprechend hoch ist das Gefahrenpotenzial für Menschen, die eine Erkrankung oder altersbedingte Gesundheitseinschränkungen haben. Zudem bestehtdie Gefahr, dass sich die Wirkstoffe der benötigten Medikamente durch die Einwirkung der hohen Umgebungstemperatur verändern könnten.
Patienten mit einer Dauermedikation können daher nicht mehr uneingeschränkt auf die bisher gewohnte Wirkung ihrer Medikation vertrauen, da Wechselwirkungen zwischen Hitzeeinflüssen auf den durch Krankheit beeinträchtigten Organismus und auf die pharmakologische Wirkung der Medikamente zu ernsthaften Problemen führen können.

Wer ist besonders gefährdet?

Kleinkinder, chronisch Kranke und ältere Menschen sowie Schwangere sind besonders von der Hitze betroffen. Manche Erkrankungen und Beschwerdebilder betreffen auch die körpereigene Temperaturregulation, worauf die äußere Hitze zusätzlichen Einfluss nimmt. Bei Kleinkindern und Senioren kommt zudem die unzureichende oder fehlende Fähigkeit des Körpers hinzu, den Temperaturhaushalt des Körpers bei solchen Belastungen eigenständig auszugleichen.

Werden solche Umstände zusätzlich von einer unzureichenden Erhöhung der Zufuhr an Flüssigkeit und Nährstoffen begleitet, entwickelt sich die Hitzebelastung zu einer ernstzunehmenden Gefahr. Auch viele Medikamentekönnen in der gewohnten Dosierung derzusätzlichen Belastung nicht entgegenwirken oder werden sogar selbst zu einer potenziellen Gefahr. So kann eine Anpassung Ihrer Medikation notwendig sein, um eine ausreichende Stabilisierung der Körperfunktionen zu gewährleisten.

Welche Medikamente können verstärkt Nebenwirkungen auslösen?

Im folgenden erhalten Sie eine Übersicht der Medikamente, die bei heißen Temperaturen eine andere als die gewohnte Wirkung entfalten können – achten Sie auf ungewöhnliche Reaktionen Ihres Körpers:

  • Neuroleptika, Antidepressiva und Anticholinerigika – Erhöhung der Körpertemperatur

Arzneimittel dieser Medikamentengruppe können die normale Körpertemperatur erhöhen. Durch zusätzliche Hitzeeinflüsse kann die Körpertemperatur eine kritische Grenze überschreiten, die der Körper nicht mehr alleine regulieren kann.

  • Arzneimittel mit Anti-Muscarin-Substanzen – verringertes Schwitzen

Wirkstoffe wie Alimemazin, Amitriptylin, Chlorpromazin, Hyoscin (Scopolamin), Oxybutynin, Procyclidin) und Topiramat vermindern die Schweißproduktion, was bei Hitzeeinwirkung die Temperaturregulation stören und zu erhöhter Körpertemperatur führen kann.

  • ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten (Sartane), Neuroleptika, Carbamazepin, Arzneimittel für Parkinson – verringertes Durstgefühl

Trinken Sie reichlich Wasser, verdünnte Fruchtsäfte oder Kräutertees, auch wenn Sie trotz der Hitze keinen Durst verspüren. Je nach Temperatur sollte die tägliche Trinkmenge, sofern Sie nicht krankheitsbedingt einer strengen Flüssigkeitsbeschränkung unterliegen, 2 bis 4 Liter betragen.

  • Betablocker – reduzierte Herzleistung

Patienten, die Betablocker wegen hohen Blutdrucks oder bei Herzleistungsschwäche einnehmen müssen, können auf die Hitzebelastung mit einer verringerten Herzleistung reagieren. Achten Sie auf Anzeichen einer Herzleistungsschwäche wie auffallende Müdigkeit und Erschöpfung, erniedrigter Puls oder Kurzatmigkeit bei geringster Anstrengung und sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt!

  • Abführmittel, ACE-Hemmer/Angiotensin II-Rezeptor-Antagonisten (Sartane) und Diuretika – erhöhte Wasserausscheidung und Elektrolytverluste

Medikamente mit Einfluss auf den Flüssigkeitshaushalt können bei hohen Temperaturen zu Dehydrierung (innerliche Austrocknung) und Elektrolytstörungen (Mangel und Ungleichgewicht der lebenswichtigen Blutsalze) führen oder bedrohlich verschlimmern.

  • Antidepressiva, Antiepileptika, Antihistaminika, Anti-Muscarin-Substanzen, Benzodiazepine und Schlafmittel – Sedierende (beruhigende) Wirkung Arzneimittel, die eine sedierende Wirkung haben, können bei Hitze die Wahrnehmung von Erschöpfungszuständen vermindern, wodurch Patienten sich leichter überfordern, dabei schneller an ihre persönliche Belastungsgrenze geraten und diese unbemerkt überschreiten können. .
  • Neuroleptika und SSRI – Eingriff in die zentrale Thermoregulation

Psychopharmaka wie Neuroleptika und SSRI wirken auf den Gehirnstoffwechsel ein. Dabei kann es zu einer Hemmung der natürlichen Thermoregulation im Körper kommen, wodurch es bei erhöhten Außentemperaturen zu innerlicher Überhitzung und Fieber kommen kann.

  • Arzneimittel mit Hitzegefühlen als Nebenwirkung

Einige Arzneimittel können Hitzegefühle als Nebenwirkung hervorrufen, die bei heißem Wetter noch ausgeprägter sind. Hierzu zählen Medikamente mit den Wirkstoffen Anastrozol, Atomoxetin, Bicalutamid, Cyproteron, Dipyridamol, Dulosetin, Goserelin, Methadon, PEG-Interferon, Sertralin, Tamoxifen, Topiramat, Triptane und Venlafaxin.

  • Antihypertensiva, trizyklische Antidepressiva, Vasodilatatoren (Calcium-Antagonisten, Nitrate) und Alkohol – Erniedrigung des Blutdrucks

Medikamente mit gefäßerweiternder Wirkung (Vasodilatation) senken den Blutdruck und können bei Hitze, insbesondere bei gleichzeitigem Alkoholkonsum zu einem weiteren Blutdruckabfall führen, wodurch es zu Kreislaufproblemen wie Schwindel und Kreislaufversagen kommen kann.

  • Überdosierung durch Dehydration und erhöhte Wirkstoffresorption

Als Folge von medikamentös herbeigeführter Entwässerung (Diuretika) und verschärft durch eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr bei Hitze kann es zur relativen Überdosierung Ihrer Medikamente kommen, weil sich das Verteilungsvolumen in Ihrem Körper vermindert hat. Bei äußerlich angewendeten Arzneimittel (wie z.B. Fentanyl- oder auch Hormon-Pflaster) können durch die Hitze-bedingte Gefäßerweiterung der Haut mit einer verstärkten Durchblutung kann es zu einer erhöhten Aufnahme (Resorption) der Wirkstoffe kommen , wodurch ebenfalls eine relative Überdosierung der Wirkstoffe entstehen kann.

Wenn Medikamente Sonnenbrand verursachen – Phototoxische Reaktion auf Arzneimittel

Während zahlreiche Medikamente ihre Wirkstoffe durch die Hitze im Körper anders als gewohnt entfalten, können manche Wirkstoffe die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen. Der Mediziner spricht dabei von Photosensibilisierung bzw. einer phototoxischen bzw. photoallergischen Reaktion. Da diese Reaktionen nicht immer voneinander zu unterscheiden sind und gelegentlich sogar durch die gleichen Wirkstoffe verursacht werden, hat sich für solche Medikamente der Oberbegriff „Photosensibilisatoren“ durchgesetzt. Diese können schon bei leichter Sonneneinstrahlung ähnliche Anzeichen auf der Haut hervorrufen wie ein Sonnenbrand. Bei starker Ausprägung spricht man von einer Photodermatose, die meist als stark juckendes Ekzem mit rauer, geröteter Haut in Erscheinung tritt.
Wenn Sie eines der unten aufgelisteten Medikamente einnehmen müssen, meiden Sie den Aufenthalt in der Sonne, tragen Sie gut bedeckende Kleidung und schützen Sie Ihre unbedeckten Hautareale mit UV-Sonnenschutzprodukten mit besonders hohem Lichtschutzfaktor (LSF mindestens 30 für den Körper, LSF 50 für das Gesicht).

Sollte es dennoch zu phototoxischen/photoallergischen Reaktionen des Körpers auf ein Arzneimittel kommen, sollte immer ärztlicher Rat eingeholt werden, um Komplikationen und zusätzliche Beschwerden zu vermeiden.Zu den Arzneimitteln, die eine Photosensibilisierung hervorrufen können, zählen unter anderem:

  • Entwässerungsmittel (Diuretika)

Amilorid, Bendroflumathiazid, Ethacrinsäure, Furosemid, Spironolacton sowie
Hydrochlorothiazid, Triamteren und Xipamid

  • Schmerzmittel (Nicht-steriodale Antiphlogistika)

Diclofenac, Ibuprofen, Indometacin, Ketoprofen, Mefenaminsäure, Naproxen, Phenylbutazon Piroxicam, Tiaprofensäure

  • Antibiotika, Antimykotika – Mittel gegen Pilzinfektionen (Antimikrobielle Substanzen)

Clarithromycin, Ciprofloxacin, Doxycyclin, Enoxacin, Gentamycin, Griseofulvin, Isoniazid, Lomefloxacin, Minocyclin, Nitrofurantoin, Norfloxacin, Oxytetracyclin, Ofloxacin, Sulfasalazin, Sulfamethoxazol/Trimethoprim*,Tetracyclin, Voriconazol

  • Mittel gegen Malaria

Chinin, Chloroquin, Mefloquin, Hydroxychloroquin, Pyrimethamin

  • Antipsychotika (Mittel gegen Psychosen wie Schizophrenie)

Chlorpromazin, Chlorprothixen, Fluphenazin, Haloperidol, Perazin, Promethazin, Promazin, Thioridazin

  • Antidepressiva

Amitriptylin, Clomipramin, Desipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin, Trimipramin, Johanniskraut

  • Blutdrucksenker, Mittel gegen Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen sowie erhöhte Blutfette (Kardiovaskulär wirksame Substanzen)

Amiodaron, Captopril, Chinidin, Enalapril, Nifedipin, Fosinopril, Ramipril, Disopyramid, Hydralazin, Simvastatin

  • Antiepileptika

Carbamazepin, Lamotrigin, Phenobarbital, Phenytoin, Topiramat, Valproinsäure

  • Mittel gegen Allergien (Antihistaminika)

Cyproheptadin, Diphenhydramin, Loratadin

  • Zytostatika, Chemotherapeutika (Zytotoxische Substanzen)

Dacarbazin, Fluorouracil, Procarbacin, Vinblastin

  • Mittel gegen Autoimmunerkrankungen (Immunsuppressiva)

Azathioprin, Methotrexat, Goldsalze

  • Hormone

Androgene (“Testosteron”), Glukokortikoide (“Kortison”), Östrogene, Gestagene (“Progesteron”), , Spironolacton

  • Mittel gegen Akne und Schuppenflechte/Psoriasis (Systemische Dermatika)

Isotretinoin, Methoxalen, 5-Methoxypsoralen, 8-Methoxypsorale

Tipps wenn die Temperaturen wieder ansteigen: Das können Sie tun

Achten Sie in Zeiten großer Hitze auf eine gute und ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit, Elektrolyten und anderen Nährstoffen. Verzehren Sie an solchen Tagen vor allem frische und leichte Kost, würzige Speisen und Suppen sowie wasserreiches Obst und Gemüse. Berücksichtigen Sie Besonderheiten bei eigenen Erkrankungen und / oder bei Ihren Angehörigen, die regelmäßig Medikamente nehmen müssen insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Nierenerkrankungen. Achten Sie auch auf die richtige Aufbewahrung der Arzneimittel, die geschützt vor direkter Sonneneinstrahlung am besten kühl, aber nicht zu kalt gelagert werden sollten, um temperaturbedingten Wirkstoffveränderungen vorzubeugen.

Kontrollieren Sie häufiger als bei normalen Temperaturen Ihre Vitalparameter, also Blutdruck und Pulsfrequenz, die Anzahl Ihrer Atemzüge pro Minute und, insbesondere wenn Sie Diabetiker sind, Ihren Blutzucker. Sprechen Sie bei Unsicherheiten unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt, um mögliche Folgen der Hitze frühzeitig zu erkennen und ggf. die Dosierung Ihrer Medikamente anpassen zu können.

Spüren Sie verstärkte Nebenwirkungen unter Hitze? Melden Sie diese!

Beobachten Sie Nebenwirkungen, die in Verbindung mit der Sommerhitze auftreten, melden Sie diese über unseren Meldeservice. Beziehen Sie auf Wunsch Ihren Arzt oder Apotheker in die Meldung ein. Bereits wenige Meldungen reichen häufig aus, um eine Verbesserung in der Patienteninformation zu erzielen, indem Beipackzettel aktualisiert werden. Ihre Meldung können Sie anonym das heißt ohne Angabe persönlicher Daten, hinterlegen, und somit zur nachhaltigen Förderung der Arzneimittelsicherheit beitragen und Ihre Mitmenschen schützen!

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